Die Paramente der Michaelskirche

Die frisch renovierte und in neuem Glanz erstrahlende Michaelskirche ließ im Jahr 1994 bei den Besuchern und Kirchengemeindegliedern erste Gedanken für neue dem Raum entsprechende Kanzelparamente aufkommen. 

Zwischen dieser ersten Idee und der Vollendung der Entwürfe des slowenischen Künstlers Matej Metlikovic durch die Paramentstickerin Brigitt Lackner sollten sieben Jahre vergehen, in denen die Gerstetter Bürgerinnen und Bürger insgesamt 24.000 DM spendeten, ehe die Paramente am 8. Oktober 2000 festlich in der Michaelskriche eingeweiht wurden und uns fortan durch das Kirchenjahr begleiten. 

Das violette Parament

Das violette Parament begleitet uns durch den Advent, in der Fasten- und Passionszeit sowie am Buß- und Bettag. Violett ist eine Mischfarbe aus den Grundfarben Blau und Rot. Das Blau des Himmels und das Rot der Erde gehen in der Hintergrundfarbe Violett eine spannungsvolle Verbindung ein. Der Himmel beugt sich zur Erde und zieht sie zu sich nach oben. Diese Bewegung aus der Tiefe in die Freiheit wird dargestellt in der gegensätzlichen Lebensäußerung der beiden menschlichen Gestalten im unteren und oberen Teil des Paraments. Aus tiefer Leid- und Schulderfahrung richtet sich ein Mensch aus seiner Beugung auf und erhebt sein Herz mit seinen Händen in seiner Klage gegen Gott entgegen (Klgl 3,41). 

Die klagende Gestalt wird von der Hand Gottes nach oben gezogen und zu aufrechtem, hoffnungsvollem Beten erhoben. In dieser nach oben geöffneten Hand Gottes entdecken wir zugleich die Gestalt einer fliegenden Taube. Gott als Heiliger Geist zieht den Beter nach oben. 

Die Aufwärtsbewegung des leidenden Menschen hat ihren Ursprung in der Mitte des Paraments, in der Menschwerdung Gottes. 

Der Kreuzweg Christi hat den Himmel geöffnet. Violett, der Farbton der ersten Annäherung des anbrechenden Tages mündet nach oben aus in die tanzende Freude "der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes" (Römer 8,21)

Der in Christus Klagende darf aufrecht klagen. Er wird von der Gewissheit der kommenden Herrlichkeit Gottes nach oben gezogen. Eine aufwärts gerichtete Leichtigkeit in der Bewegung von der Klage zur Freude bestimmt das ganze Parament.

Das weiße Parament

Das weiße Parament haben wir vor Augen in der Festzeit an Weihnachten und Ostern, an Trinitatis und am Ewigkeitssonntag. Weiß ist die Farbe des Neuen und Reinen, des Lichts und des Lebens. Weiß - als Mischfarbe aus der Summe aller Farben gebildet - symbolisiert zugleich die Neuschöpfung des gesamten Kosmos. Die Komposition verschiedener Farben und Formen auf weißem Hintergrund verbindet Motive von Weihnachten, Karfreitag und Ostern miteinander. 

Das goldene Kreuz auf violettem Grund ist der symbolische Ausdruck für Christi Leben und Tod. 

Im unteren Bildteil sieht man Maria, die sich über ihr Kind beugt.

Im oberen Bildteil zieht das verwundete Herz Christi in seinem auffallenden rotumrandeten Gold den Blick des Betrachters auf sich. Gold und türkis, die Farben der himmlischen Welt umhüllen das Antlitz Christi, das in seiner Form an das Lamm Gottes erinnert, das der Welt Sünde trägt. Machtvoll zieht der HEilige Geist in seiner Lebenskraft der Auferstehung (Flamme) Christus an seinen ausgestreckten Armen in den offenen Himmel hinein. 

Das grüne Parament

Das grüne Parament ist unser ständiger Begleiter durch das Kirchenjahr. In den Sonntagen nach Epiphanias bis zum Beginn der Fastenzeit und vom 1. Sonntag nach Trinitatis bis zum Bußtag lädt es uns ein zur Meditation des Ursprungsgeheimnisses unseres Glaubens. 

Die Grundfarbe grün stellt die ganze Schöpfung unter das Zeichen der Hoffnung. Grün ist die Farbe wachsenden Lebens. Auf grünem Hintergrund erscheinen Symbole der Schöpfung: Sonne - Licht - Wasser - die Pflanzen - die Tierwelt. Das wachsende Leben sucht sich - in den Bewegungsformen dargestellt - seinen Weg. 

Der obere Bildteil ist durch das Licht der Sonne bestimmt, in deren Mitte wir das Kreuz finden. Die geschwungenen Lebensformen des Wassers, der wachsenden Ähren und des Erdenrunds drücken die Lebensfreude der Schöpfung aus. 

Im unteren Bildteil finden wir das harmonische Lebensspiel der Schöpfung zutiefst gestört. Deshalb kommt Gott in seinem Sohn auf die Erde, geht in die tiefsten Tiefen des Lebens und wird zum Lamm, das der Welt Sünde trägt und davon zu Boden gedrückt wird. 

In der Dreiecksform im Herzen des Gotteslamms erinnert der Künstler zugleich an die Gegenwart des Dreieinigen Gottes im tiefsten Leid der Welt und stellt so die Verbindung zur Liebe Gottes als Schöpfungsmotiv im Kreuz der Sonne her. 

Das rote Parament

Das rote Parament mit seiner spielerischen Dynamik zeigt sich uns von der Kanzel nur an ganz wenigen Feiertagen, die allesamt der Kirche gewidmet sind: An Pfingsten, am Reformationstag bei einem Investiturgottesdienst und bei der Feier der Konfirmation. 

Die Grundfarbe rot ist die Farbe des belebenden und begeisternden Feuers des Heiligen Geistes sowie die Farbe des Blutes Christi und der Märtyrer. 

Vögel in Bewegung: Das rote Parament sprüht in seinen tanzenden Formen vor Freude, Spiel und Leben. In den Flugbewegungen von drei Tauben bewegen sich Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist vom Himmel zur Erde und wieder zurück und nehmen dabei alles Leben mit in ihre Lebensbewegungen hinein. 

Die sieben weißen, halbkreisförmigen Flächen weisen auf die sieben Schöpfungstage hin. 

Im unteren Viertel des Paraments ist Gottes Schöpfungsakt der Erde angedeutet durch das Symbol der schöpferischen Hand.